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Was für’n Hebel?
Hebel ist… wie soll man sagen? Ich will einen kurzen Rückblick in das Jahr 2001 machen, in dem ich mit meiner besten Freundin Schottland erkundigte. Kauft man eine Schottlandkarte, so findet man im nordwestlichen Teil und nordöstlich von Ullapool ein riesiges Gebiet, in dessen Zentrum sich ein kleiner Punkt befindet, der mit “Crask Inn” bezeichnet wird und in dessen Umkreis von 35 km nichts anderes zu liegen scheint. Und wie wir uns nach stundenlanger Autofahrt diesem Punkt näherten, da schauten wir uns schweigend an, als wir vor uns tatsächlich nur ein einziges Haus vorfanden: Die Gaststätte “Crask Inn”. Wie wir die Gaststube betraten, die nicht einmal einen Besitzer zu haben schien und uns niederließen, war das einzige Geräusch, welches die Totenstille durchdrang, eine uralte, Kaminsimsuhr, deren monotones, irre machendes Klack-Klock-Klack-Klock uns nicht einmal wagen ließ, die auf dem Tisch liegende 4-Wochen alte Zeitung in die Hand zu nehmen. Und diese Wirkung schien auch ihre Spuren an der Besitzerin hinterlassen zu haben, die, als habe sie eine Axt hinter ihrem Rücken versteckt, gebeugt und mit irrem Blick in den Raum schlurfte und uns fragte, was wir möchten. Wir benutzten so wenige Worte wie möglich, unseren Kaffee zu bestellen, schwiegen uns wieder an und machten dann das, was jeder in so einer Situation machen würde, wir lachten wirr und gaben zynische Sprüche zum Besten. Dann wie von Geisterhand und völlig aus dem Nichts erschienen Gäste - zehn, fünfzehn. Und genauso verschwanden sie nach einigen Bieren wieder. Überflüssig zu erwähnen, dass wir uns fragten, wohin eigentlich? Nur zwei Schweizer blieben, die zum Glück einen Wohnwagen hatten, in dem sie uns übernachten ließen, was uns in Anbetracht des Erlebten klüger erschien. Wir nahmen dann noch zusammen das Frühstück im Crask Inn ein. Und als uns für ein paar Minuten der Gesprächsstoff ausging und wir so aus dem Fenster ins grenzenlose Nichts starrten, da wurde uns klar, dass hier nicht nur Nichts war sondern noch viel weniger als Nichts - also gar nichts. Und wie wir für einen kurzen Augenblick die Luft anhielten, konnten wir wahrhaftig die Disteln wachsen hören.
Hätte das von Mogila Station 30 km entfernte Hebel nicht einen Pub mit netten Besitzern, einen Minishop, dessen Essen einem nach einer Woche aus dem Hals hängt, käme dieser Ort dem geschilderten schon recht nahe. Und hätte ich nicht meine Hunde gehabt und hin und wieder ein paar nette Gespräche mit Durchreisenden, hätte ich die sieben Wochen, die ich dort verweilte, vielleicht nicht überstanden. Aber kommen wir zum Wesentlichen:Klienten von Michael und Jutta haben 2700 Schafe und über 200 Kühe auf ihrem Farmgelände Currawillingi (nahe Hebel). Das öffentliche Weideland um Hebel und Hebel selbst ist erfahrungsgemäß bei Fluten mit die höchste Stelle in der Umgebung. Also wurden die Tiere in einer Drei-Tages-Aktion zu Fuß, mit Quads und dem Playmobil-Hubschrauber mit riesigem Aufwand nach Hebel und dort auf die Weide getrieben. Nun legen sich diese nicht sieben Wochen unter einen Baum und warten darauf, dass sie wieder nach Hause können, sondern spazieren zur Futterzeit munter durch die Gegend und legen dabei auch schon mal gerne 4 km pro Stunde zurück, was sie bei einer Weidenlänge von 4 Kilometern eben vor die Wahl stellt in Hebel einzumarschieren, zurück nach Curra gehen zu wollen oder umzukehren. Letzteres passiert auch, aber eher selten. Also benötigt man jemanden, der sieben Tage die Woche, sieben Wochen lang, verantwortungsvoll auf eine Herde im Wert von einer halben Million Dollar aufpasst. Und diese Ehre kam mir zu Teil. Jeden Tag saß ich 5 Minuten vor Sonnenaufgang auf der Quad und war vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt haben Schafe und Kühe ihr Frühstück schon verputzt und sich über die gesamte Weidenfläche verteilt. Man treibt sie dann ungefähr 2 Stunden lang, also sehr langsam, damit sie auf dem Weg weiter fressen können, zu einem Pulk zusammen, bevor man dann gegen 8.00 Uhr selber zum frühstücken kommt. 10.00 Uhr geht es dann wieder raus und man treibt etwa eine Stunde lang ein paar Ausreißer zurück in die Gruppe und kontrolliert die Grenzen. Der ganze Mob legt sich dann faul bis um 17.00 Uhr auf Grund der hohen Temperaturen nieder. Und eine halbe Stunde später wiederholt sich die morgendliche Tour. Es ist vor allem Abends beeindruckend, wenn man ein paar Minuten bevor die Schafe aufbrechen vor Ort ist. Dann erhebt sich plötzlich aus dem Nichts eine gigantische Staubwolke, als käme einem eine Horde Elefanten entgegen. Nur dass eben nach ein paar Minuten, wenn sie den erdigen Bereich um das Wasserloch verlassen haben, kleine Schafe aus der Wolke getrappelt kommen. Wow, wird der eine oder andere sagen wollen. Morgens und Abends ein bisschen Quad fahren und von 11 - 17 Uhr machen, was man will. Ja, sicher. So war es auch, die ersten zwei Wochen. Die erste, weil die Spannung da war, wie sich die Flut entwickeln würde und die zweite, nachdem sie ihren Höchststand erreicht hatte, weil man echt machen konnte, was man wollte. Nun ist es so: Hebel gehört nicht gerade - wie soll ich sagen - zu den inspirierensten Orten? Und unfassbar schnell aller Kreativität beraubt, gibt man sich einfach nur noch unsinnigen, ablenkenden und völlig zeitvergeudenden Beschäftigungen hin,
die nur hin und wieder von einem sich selbst aufraffenden Lichtblick unterbrochen werden. Es ist erschreckend sich selbst dabei zu beobachten, wie man sein Dasein mit Nichts erfüllt und festzustellen, dass dies tatsächlich möglich ist. Ok, ganz so schlimm war es nicht. Ich hatte ja meinen Pub mit spärlicher Gesellschaft, meine Kühe, Schafe, und vor allem meine beiden Kelpies. Die 13 Jahre alte Biddy und ihre 9 Monate alte Welpen-Tochter Thess. Ach ja und noch was: Verantwortung und den Willen dieser Gerecht zu werden. ![]() - Wanderer
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