...das Leben ist ein Netzwerk

Lightning Ridge

Hmmm - nun gut. Wo fängt man da an, wenn man irgendwo im Nirgendwo bei einem Kaffee sitzt und auf den Schulbus wartet? Am besten Vorne...

Wenn man morgens um 7.30 Uhr in Brisbane einen Greyhound nimmt, sollte man dennoch immer fragen, welcher der Busse einen denn nun zum gewünschten Zielort bringt. Zunächst einmal steht auf dem Bus nur der Stadtname der Endstation und auf dem Ticket nur der gewählte Zielort und die Busnummer. Wäre alles kein Problem, wenn letztere wenigstens stimmen würde. An Bord freute ich mich über den vorderen Sitzplatz hinter dem Fahrer und wunderte mich, warum er frei war, obwohl alle außer mir schon eingestiegen waren und man bei den riesigen Scheiben hier doch die beste Sicht nach draußen zu haben schien. Gut - das laute Sirren des Ventilators, den der Fahrer zwei Minuten später anmachte, war zu Beginn sehr nervig, aber man kann sich wirklich schnell daran gewöhnen.

Die folgende Fahrt nach Toowoomba (mein Umstiegsort) gestaltete sich zwar nicht so interessant, wie die sich anschließende Weiterfahrt nach Hebel, aber immerhin gab es in dem Örtchen Ipswitch den ersten Aldi Süd zu sehen. Der Linksverkehr ist immer noch gewöhnungsbedürftig. Die Häuser in der Umgebung Brisbane bis Toowoomba gleichen der amerikanischen Bauweise, sind aber im Gegensatz dazu viel bunter und individueller (kein Haus, kein Vorgarten gleicht einem anderen); Nur etwa jedes zehnte ist gemauert. Bunt und chaotisch erinnern sie an das sich mir bisher gebotene Bild des Australiers. Vielleicht fehlt mir auch einfach nur der Blick dafür im Moment, aber dennoch ist mir in meinem Leben noch nie ein größerer "Kleidungsindividualismus" begegnet als hier. Die Highways erinnern mich an die brasilianischen. Kleine Bodenreflektoren auf dem Mittelstreifen machen die Fahrten und das Orientieren bis in weiter Ferne auch bei Nacht sehr angenehm und einfach. Zudem ist das Wenden auf dem Highway viel leichter, indem man alle paar Kilometer die Möglichkeit hat, über die Mitte hinweg, auf die andere Seite zu wechseln. Aber kommen wir zum interessanteren Teil...

Von Toowoomba aus, der letzten größeren Stadt, wurde die Umgebung schnell steppenartiger. Die Abstände der Bäume wurden zunächst immer Größer. Dann - planes Land. Hier und dort noch vereinzelte Baumgruppen und überall riesige Farmen. Die Umgebung wird von der Rinderzucht dominiert und nur vereinzelt entdeckt man ein Wallaby oder einen Strauß, die sich ins Unterholz an den Straßenrand verirrt haben.

blueyBei einem Zwischenstop in Goondiwindi kontaktierte ich Michael. Er offenbarte mir, es würde in der Umgebung Hebels regnen, ihr Auto wäre hinüber und es bestünde keine Möglichkeit mich abzuholen. "Jubel!" Ich solle eine Ortschaft weiterfahren und dort im Bluey Motel übernachten. Nach einem Gespräch mit dem Busfahrer, ob es ein Problem wäre, mich eine "Haltestelle" weiter mitnehmen zu können und was es kosten würde (man muss beachten, dass die Orte mittlerweile 45 Minuten weit auseinander liegen), meinte er nur, dass wir alle einfach ein bisschen mehr schwitzen müssten, um so Gewicht einzusparen, dass das Benzin reiche und dann passe das schon. Nicht ganz mein Humor, aber dennoch sehr nett.

Zwischen den einzelnen Orten (in denen nur jeweils eine Hand voll Leute leben) lagen nun so gut wie keine "sichtbaren" Farmen mehr. Das Land war plan bis zum Horizont und das in alle Richtungen. Glaubte ich noch in Irland, Schottland oder Brasilien einen weiten Himmel gesehen zu haben, war es nun an der Zeit meine Definitionen noch einmal zu überdenken. Und mit einem Mal setzte ein sehr paradoxes Gefühl ein, an das ich mich als Stadtkind erstmal gewöhnen muss: Hat mich doch stets die Enge der Großstadt gestört und es mich stets nach Ferne verlangt, so musste ich mich plötzlich damit auseinandersetzen, wie beklemmend Weite wirken kann. Je weiter mein Blick schweifen konnte und je mehr es den Anschein machte, dass die nächste Zivilisation Tagesreisen entfernt zu sein schien, desto stärker fühlt man sich durch seinen eigenen Körper begrenzt. Ein zugleich erschreckendes wie auch ergreifendes Gefühl.

l-ridgeWie auch immer - nun habe ich eine Nacht in Bluey's Motel verbracht, ein paar nette Gespräche mit der Besitzerin Margie geführt, die hier in dem Opal-Schürfer-Städtchen Lightning Ridge noch einen kleinen Edelsteinladen besitzt und selbst ganze 5 Jahre mit dem Presslufthammer unter Tage gearbeitet hat. Und nun muss ich los - mit 30 schreienden Kindern, die mich sicherlich alle mit großen, neugierigen Glubschaugen gleichzeitig anstarren, flüstern und gibbeln werden. Der Schulbus ist hier wohl die einzige öffentliche Möglichkeit für einen Ortswechsel. Nächster Halt Goodooga, wo ich eine Nacht bei Michaels Cousin Steven verbringen werde, um morgen Früh zur Mogila Station weiterzuziehen.


- Wanderer