|
Der Baum und der Hirte
Er wusste nicht, wie lange er schon hier oben auf diesem Hügel stand, allein und weit entfernt von anderen seiner Art, doch genauso wie alle Anderen verwachsen auf ewig mit dem Platz seiner Geburt. Er strahlte eine ungemeine Ruhe aus, dabei hatte er sich nur mit dem abgefunden, was er nicht ändern konnte. So thronte er auf seinem Thron wie ein einsamer König in seinem verlassenen Schloss. Der Wind hatte ihm einst erzählt, dass es dort hinten, hinter dem Horizont, viele von ihm gab und doch nur wenige, die so waren wie er. Doch in diesem Augenblick war er nicht alleine. Ein Hirte lag in seinem Schatten und beobachtete seine Schafe, während sie nichts anderes taten, als sich an dem grasbewachsenen Hügel zu nähren. Der Knabe liebte es, in dem Schatten des Baumes zu liegen. Er liebte den Wind, der von Freiheit erzählte. Und er liebte es, einfach nur seinen Schafen zuzusehen. Der Baum konnte in das Herz des Knaben schauen, doch verstand nicht, was er dort sah:
»Warum kommst du jeden Tag zu mir und legst dich in meinen Schatten?«
»Weil von jedem Teil der Liebe etwas in dir steckt«, antwortete der Hirte und lächelte. »Was ist Liebe?« wollte der Baum wissen. Da stand der Hirte auf und schaute auf das Land. Aber dort war keine Antwort, die er hätte finden können. So sah er den Baum an und sagte: »Betrachte deine Blätter und frage mich im Sommer noch einmal.« Dann ging der Hirte fort und nahm seine Schafe mit sich.
Im Sommer kehrte der Knabe zurück, setzte sich in den Schatten des Baumes und fragte ihn:
»Hast du deine Blätter betrachtet?«
»Ja«, antwortete der Baum. »Zart und lebensdurstig waren sie diesen Frühling - so wie immer, doch nie war es mir so bewusst. Sie wurden von herrlichen und duftenden Blüten geziert, die mich zierten. Sie wurden bewundert von den Bienen, von den Vögeln und von den Menschen. Sie gaben mir Lebensfreude und machten mich stolz. Aber was ist Liebe?« »Betrachte deine Blätter und frage mich im Herbst noch einmal« sagte der Hirte.
Und der Baum betrachtete jeden Tag seine Blätter, bis zu jenem, an dem der Knabe zurückkehren würde. Dann wurde es Herbst. An einem regenfreien Tag kam der Hirte mit seinen Schafen zum Hügel. Er ließ sie grasen, begab sich zu dem Baum und fragte: »Na, hast du deine Blätter betrachtet?« »Jeden Tag«, antwortete der Baum. »Sie waren kräftig und lebensfroh diesen Sommer. Ich habe sie mit dem Wasser getränkt, das ich für sie mit meinen Wurzeln gesammelt habe. Die Sonne schenkte ihnen das Licht, das auch mich wärmte und die Tiere und die Menschen. Sie legten sich in meinen Schatten, in den Schatten meiner Blätter. Und an besonders heißen Tagen haben die Blätter auch mich beschützt, damit ich nicht vergehe. Sie gaben mir Kraft. Sie ließen mich spüren, dass ich lebe, dass sie für mich da sind und dass sie mich brauchen, sowie ich sie brauche. Aber so sage mir doch, was Liebe ist? Alles, was der Hirte zu entgegnen hatte war: »Betrachte deine Blätter und frage mich im Winter noch einmal.« Der Winter war kälter als all die vorherigen. Mit kahlen Ästen stand der Baum auf seinem Hügel und fror. Aus der Ferne sah er den Hirten kommen - ohne Schafe. Der Knabe kam nur wegen ihm. Als dieser den Hügel erklommen hatte und in keinem Schatten stand, da sagte der Baum zitternd: »Sage mir doch endlich was Liebe ist.« Doch wieder fragte der Hirte nur: »Hast du deine Blätter betrachtet?« »Ja«, sagte der Baum. »Doch nun sind sie fort und sie fehlen mir.« »Warum hast du sie gehen lassen?« fragte der Hirte. »Weil ich sie gehen lassen musste. Doch ich weiß, dass sie im kommenden Frühling zurückkehren werden, so wie jedes Jahr«, sagte der Baum. »Und bis dahin werde ich die Kälte ertragen und von der Sehnsucht zehren, bis sie wieder bei mir sind.« »Was ist mit diesem Blatt dort?« fragte der Hirte und zeigte auf ein verkümmertes, braunes Blatt, das an einem der unteren Äste hing. »Es ist alles was mir geblieben ist«, sagte der Baum. »Manchmal bleibt einem noch weniger«, sprach der Knabe und zupfte das letzte Blatt vom Baum. »Manchmal«, betrachtete er es, »bleibt dir nur die Erinnerung und die Hoffnung. Was empfindest du jetzt?« »Angst«, antwortete der Baum. »Angst? Wovor?« wollte der Hirte wissen. »Davor, dass sie eines Tages vielleicht nicht mehr wiederkommen. Dann würde ich austrocknen und sterben. Also sage mir, was Liebe ist.« »Betrachte die Erinnerung an deine Blätter und frage mich im Frühling noch einmal« sagte der Hirte nur und ging. An dem ersten sonnigen Frühlingstag kehrte der Hirte mit seinen Schafen zurück und stieg auf den Hügel. »Hast du dich deiner Blätter erinnert?« fragte der Knabe. »Ja, das habe ich.« »Und was hast du dabei gefühlt?« »Den größten aller Schmerzen«, erinnerte sich der Baum. »Und jetzt?« wollte der Hirte wissen. »Nun bin ich glücklich, dass sie wieder da sind. Die Blätter geben mir Kraft und neuen Lebensdurst. Die Blüten spenden mir Trost für das Vergangene. Mir wurde klar, dass es Zeiten gibt, in denen ich ohne sie leben muss, auch wenn ich das nicht will. Doch da sind Zeiten, in denen wir, die Blätter und ich, nicht ohne einander leben können und wollen. Nun«, sprach der Baum. »Was ist Liebe?« »Betrachte deine Blätter«, sagte der Hirte, legte sich in des Baumes Schatten und schlief. - Wanderer
|